Credential Stuffing
Credential Stuffing bezeichnet automatisierte Angriffe, bei denen Kriminelle große Mengen gestohlener Benutzername-Passwort-Kombinationen aus früheren Datenlecks verwenden, um sich bei anderen Diensten anzumelden. Da viele Nutzer dasselbe Passwort für mehrere Dienste verwenden, können mit einer gestohlenen Datenbank tausende erfolgreiche Logins erzielt werden. Für Unternehmen droht der Verlust von Kundenkonten, Betriebsgeheimnissen und erhebliche DSGVO-Haftung.
Wie funktioniert Credential Stuffing?
Credential Stuffing startet mit dem Erwerb von Datenlecks: Im Darknet werden gestohlene Zugangsdaten-Kombinationen aus früheren Datenpannen in großen Paketen verkauft. Sogenannte Combo-Listen mit Milliarden von E-Mail-Passwort-Kombinationen sind für wenige Dollar erhältlich. Eine einzige Liste kann Daten aus hunderten unterschiedlicher Webseiten enthalten.
Mit automatisierten Tools werden diese Kombinationen dann in hoher Geschwindigkeit bei Zielwebseiten durchprobiert. Spezialisierte Software wie Sentry MBA, SilverBullet oder OpenBullet ermöglicht tausende Anmeldeversuche pro Sekunde. Dabei werden Proxys und verteilte IP-Adressen genutzt, um Rate-Limiting und IP-Sperren zu umgehen.
Für Unternehmens-Logins sind besonders VPN-Zugänge, E-Mail-Portale, Cloud-Dienste und ERP-Systeme beliebte Ziele. Ein erfolgreicher Login kann dem Angreifer vollständigen Zugang zu Unternehmensdaten, E-Mails und internen Systemen geben – ohne jede Schadsoftware. Da legitime Zugangsdaten verwendet werden, erkennen klassische Sicherheitssysteme den Angriff oft nicht.
Nach einem erfolgreichen Login wird das Konto entweder sofort geplündert (bei Banken oder E-Commerce) oder als Ausgangspunkt für weiterführende Angriffe genutzt: Weitere interne Zugänge werden erschlossen, Daten werden gestohlen oder das Konto wird für BEC-Angriffe genutzt.
Für Unternehmen mit Kundenportalen ist Credential Stuffing besonders gefährlich, da es die Konten ihrer Kunden kompromittiert. Dies löst DSGVO-Meldepflichten aus, schädigt das Vertrauen und kann erhebliche Haftungsansprüche nach sich ziehen.
Credential Stuffing in Zahlen
So trifft Credential Stuffing Unternehmen
Kundenportal eines Online-Händlers übernommen
Ein mittelgroßer Online-Händler aus Bayern wurde über Credential Stuffing attackiert. Angreifer probierten 2,3 Millionen Zugangsdaten-Kombinationen durch und gelangten in 4.200 Kundenkonten. In diesen Konten wurden gespeicherte Zahlungsmittel für Bestellungen im Wert von insgesamt 340.000 Euro missbraucht. Der Händler musste alle betroffenen Kunden informieren, den Vorfall der Datenschutzbehörde melden und sämtliche Rückbuchungen bearbeiten.
VPN-Zugang einer Kanzlei durch Credential Stuffing kompromittiert
Ein Anwalt einer Kanzlei in Frankfurt nutzte für das Kanzlei-VPN dasselbe Passwort wie für ein gehacktes Nachrichtenportal. Angreifer loggten sich über das VPN ein und hatten uneingeschränkten Zugriff auf alle Kanzleisysteme. Über mehrere Wochen wurden Mandantendaten kopiert und für Erpressungsversuche genutzt. Die forensische Analyse ergab, dass die Zugangsdaten aus einem zwei Jahre alten Datenleck stammten.
Schutzmaßnahmen gegen Credential Stuffing
Technische Maßnahmen
- Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) für alle Unternehmensanwendungen und -zugänge
- Rate-Limiting und Account-Lockout bei mehrfach falschen Login-Versuchen
- CAPTCHA und Bot-Erkennung für Login-Formulare
- Have-I-Been-Pwned-Integration: Alerts bei Erscheinen eigener Domains in Datenlecks
- Passwort-Manager unternehmensweit einführen und einzigartige Passwörter erzwingen
- Behavioral Analytics: Anomalie-Erkennung bei ungewöhnlichem Login-Verhalten
- IP-Reputations-Filter für Login-Endpunkte
- Regelmäßige Überprüfung aktiver Sessions und unbekannter Geräteanmeldungen
Organisatorische Maßnahmen
- Passwort-Richtlinie mit Mindestlänge, Komplexität und Einzigartigkeit
- Regelmäßige Mitarbeiterschulungen zu sicherer Passwort-Hygiene
- Monitoring auf Darknet-Erscheinen von Unternehmens-E-Mails und Passwörtern
- Prozesse für sofortige Passwort-Zurücksetzung bei bekannt gewordenen Datenlecks
Was die Cyberversicherung bei Credential Stuffing abdeckt
Abgedeckte Leistungen
- Schäden durch Kontomissbrauch und unautorisierte Transaktionen
- IT-Forensik zur Analyse des Angriffs und des Ausmaßes der Kompromittierung
- Benachrichtigungskosten für betroffene Kunden nach DSGVO
- Haftpflichtansprüche betroffener Kunden
- Kosten für Krisenkommunikation
- Betriebsunterbrechungskosten durch temporäre Sperrung des Portals
- Kosten für Sicherheitsmaßnahmen nach dem Vorfall
Typische Ausschlüsse
- Schäden durch bekannt schlechte Passwort-Richtlinien ohne Verbesserungsmaßnahmen
- Verluste durch wissentlich nicht aktivierte MFA-Optionen
- Schäden durch Insider-Weitergabe von Zugangsdaten
- Schäden aus Vertragsstrafen wegen Sicherheitspflichtverletzungen
- Reine Reputationsschäden ohne direkten finanziellen Verlust
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